F.A.Z: Ein Akku-System für zehn Elektrowerkzeughersteller

24.06.2019

F.A.Z: Ein Akku-System für zehn Elektrowerkzeughersteller

Die Kooperation des Cordless Alliance System (CAS) bietet Kunden die Möglichkeit mehr als 140 verschiedene Werkzeuge mit einem Energiespeicher zu betreiben.

ols. NÜRTINGEN, 16. Juni. Akkubetriebene Elektrowerkzeuge sind schon seit längerer Zeit so leistungsfähig wie jene mit Kabel. Doch sie haben bislang einen entscheidenden Nachteil: Die Akku-Systeme der Hersteller sind unterschiedlich. Es gibt keine gemeinsame Schnittstelle. „Der Kampf der Akku-Systeme ist zurzeit auf einem ersten Höhepunkt. Alle global agierenden großen Hersteller von Elektrowerkzeugen setzen auf ihr eigenes Akku-System und kämpfen mit Eintrittsangeboten, um Kunden für ihr System zu gewinnen“, sagt Horst Garbrecht, Vorsitzender der Geschäftsführung der Metabowerke GmbH, die seit November 2015 zum japanischen Konzern Koki Holdings Co., Ltd. gehört. Und dieses Thema treibt den 53-jährigen Maschinenbauer schon seit Jahren um. Garbrecht will nun für Vereinheitlichung sorgen und initiierte im vergangenen Sommer mit mehreren anderen mittelständischen Unternehmen aus der Branche ein herstellerübergreifendes Akku-System: Als Basis des Cordless Alliance System (CAS) dient die Technik von Metabo. Das mittelständische Unternehmen aus Nürtingen mit 2000 Mitarbeitern liegt in der Entwicklung bei dem Thema ohnehin mit an der Spitze. „Inzwischen nutzen zehn Hersteller das System, und mehr als 140 Werkzeuge können mit ein und demselben Akku betrieben werden“, sagt Garbrecht. Die Kooperationspartner kommen aus den unterschiedlichsten Gewerken. Sie sind weitgehend spezialisiert. Somit ergänzt sich das Angebot: So hat beispielsweise Rothenberger einen Schwerpunkt auf Werkzeuge für Installateure, Mafel für das Holzhandwerk, Haaga liefert Kehrmaschinen. Eisenblätter bedient die Metallbranche, Steinel ist ein Spezialist für  Heißlufttechnik, Collomix für Rührgeräte und Eibenstock für die Putzbearbeitung, Starmix stellt Sauger für die Werkstatt her. „Die Allianz bringt uns einen großen technologischen Fortschritt. Wir können auf ein am Markt bewährtes und akzeptiertes System zurückgreifen, welches wir als Einzelner so nicht hätten entwickeln können“, sagt Roman Gorovoy, Geschäftsführer der Electrostar GmbH, zu der Starmix gehört.

Der Saugermarkt stehe beim Thema Akku-Geräte noch am Anfang. Metabo-Chef Garbrecht setzt darauf, dass sich weitere Unternehmen anschließen. „Wir sprechen mit mehr als 30 weiteren Unternehmen, die Interesse an der herstellerübergreifenden Plattform haben. Sechs davon werden in den kommenden Monaten der Allianz beitreten.“ Nähere Details will er noch nicht nennen. Metabo habe seit 2009 in Akku-Geräte und das Akku-System mehr als 100 Millionen Euro investiert.

Schon jedes zweite verkaufte Gerät für Profi-Anwender im Bereich der Elektrowerkzeuge ist in der Branche eines mit Akku und somit ohne Kabel. Das freut alle Hersteller. Denn in der Regel ist das Preisniveau des Akkugeräts höher. Auf der anderen Seite wird der Käufer, der auf einen bestimmten Hersteller zurückgreift, bei diesem bleiben, da bislang die Akku-Systeme der unterschiedlichen Anbieter normalerweise nicht zueinander kompatibel sind. „Geräte mit Kabel dominieren vor allem noch im Bereich der Schwellenländer. In allen anderen Ländern geht der Trend eindeutig Richtung Akku.“ Doch bis sich die Akku-Technologie für jedes Gerät durchsetzen wird, braucht es sicherlich noch eine Weile. „Bei Geräten, die sehr viel Strom brauchen, wie beispielsweise eine Mauerschlitzfräse oder Schleifanwendungen in einer Serienproduktion, wird das Kabelgerät sicher noch längere Zeit eine sehr wichtige Rolle spielen“, sagt Garbrecht weiter. Metabo steigerte im Geschäftsjahr 2018/2019 (31. März) seine Erlöse um fast 8 Prozent auf 493 Millionen Euro. Im laufenden Jahr sollen es 530 Millionen Euro werden.

„Im professionellen Bereich der Elektrowerkzeuge werden in Europa und Amerika sieben, maximal acht Akku-Systeme langfristig übrig bleiben. Eines davon ist CAS“, gibt sich der Metabo-Chef überzeugt. Er sagt mit Blick auf IT-Firmen wie Apple oder Google und deren Betriebssysteme für Mobiltelefone: „CAS soll zum Android der Elektrowerkzeuge-Industrie werden.“ Noch ist es nicht so weit. Um bei der Beschaffung von Batteriezellen auch auf der sicheren Seite zu sein, sind langfristige Verträge abgeschlossen worden. „Wir arbeiten mit allen namhaften Zellherstellern zusammen. Der Schwerpunkt liegt aber bei Samsung und Panasonic.“ Dass dies die herstellerunabhängige Plattform Metabo auch in Nöte bezüglich eigener Produkte bringen kann, dessen ist sich der 53-Jährige bewusst. „Wenn beispielsweise ein Spezialist für Nietpistolen in den CAS-Partnerkreis kommt, würden wir sicher darüber nachdenken, unsere eigene Nietpistole nicht weiterzuentwickeln.“ Die Akku-Technik muss seiner Einschätzung nach nicht nur auf Elektrowerkzeuge beschränkt bleiben. „Ich kann mir vorstellen, dass CAS auch bei Gartengeräten verstärkt zum Einsatz kommt. Wir sind dafür offen.“

Auch beim Reinigungsgerätespezialisten Kärcher ist das Geschäft mit Elektrobatterien auf dem Vormarsch. Hartmut Jenner, Vorsitzender des Vorstands der in Winnenden bei Stuttgart ansässigen Alfred Kärcher SE & Co. KG, erklärt, die Anzahl von akkubetriebenen Produkten werde in den kommenden Jahren stark ansteigen. Und damit wächst auch der weltweite Bedarf an Batteriezellen. „Kärcher ist deshalb im vergangenen Jahr eine strategische Partnerschaft mit einem Zellhersteller eingegangen, um eine Abhängigkeit von den großen Zellherstellern außerhalb Europas zu vermeiden. Wir können damit unseren Bedarf vollständig abdecken und in unsere neue Akku-Plattform investieren.“ Und noch in diesem Herbst will der Motorsägen- und Gartengerätehersteller Stihl die ersten Akkus aus eigener Produktion auf dem Markt bringen. So sei im vergangenen Jahr eine eigene Akkupack-Fertigung am Stammsitz in Waiblingen aufgebaut worden, sagt der Vorstandsvorsitzende Bertram Kandziora. Hier seien 10 Millionen Euro investiert worden. „In unserer neuen Akku-Fertigung fertigen wir rückentragbare Akkupacks für den Profi-Anwender. Ergänzt wird diese Fertigung durch ein globales Lieferanten-Netzwerk mit Produktion unserer Akkupacks an verschiedenen Standorten in Asien und Europa.“